Luftaufnahme der archäologischen Rettungsgrabung an der Habsburgerstraße in Freiburg mit sichtbaren Mauerresten, Abdeckplanen und Baufahrzeugen im August 2025. home_stage_outline
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Staatliche Vermögens- und Hochbauverwaltung Baden-Württemberg

Bildungszentrum Freiburg: Wenn ein Neubau auf Geschichte trifft.

Der Neubau für die Oberfinanzdirektion in Freiburg schreibt Stadtgeschichte. Die Arbeiten förderten mittelalterliche Gewerbestrukturen und seltene Tonfiguren zutage. Zudem erforderte der Fund einer Fliegerbombe eine koordinierte Evakuierung. Im Interview erläutert Projektleiterin Katharina Birkenmeier die Zusammenarbeit mit den Behörden und zieht ein Fazit zum Umgang mit unvorhergesehenen Risiken für künftige Vorhaben.

Kopf einer Keramikfigur, die einen Mann mit einer Gugel darstellt. Der von den Mitarbeitern „Zipfeldidi“ getaufte Kopf hat eine Höhe von 4,8 cm

Archäologie und Bauwesen im Einklang.

Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Freiburg realisiert an der Habsburgerstraße ein modernes Bildungszentrum für die Oberfinanzdirektion Baden-Württemberg. Begleitet wurde der Start des Neubaus von einer der umfangreichsten Rettungsgrabungen der jüngeren Stadtgeschichte. Zwischen März und Oktober 2025 untersuchten Fachleute im Auftrag des Amtes eine Fläche von 4.000 Quadratmetern. Die Ergebnisse sind bemerkenswert:


Die Teams stießen auf die Überreste der „Neuburg“, einer planmäßigen Stadterweiterung aus dem Jahr 1240. Besonders hervorzuheben ist die Entdeckung einer „Allmend“, eines gemeinschaftlich genutzten Gewerbestreifens mit Keramikbrennöfen und über 50 tönernen Figuren aus dem 14. Jahrhundert, die möglicherweise als Spielzeug dienten. 


Parallel dazu erforderte der Fund einer scharfen Fliegerbombe im April 2025 eine koordinierte Großevakuierung, die das Sicherheitskonzept des Projekts auf die Probe stellte. Das Projekt verbindet modernen Hochbau mit der Sicherung historischer Substanz und demonstriert, wie das Land Baden-Württemberg Verantwortung für Geschichte und Sicherheit übernimmt. Die wertvollsten Funde sichert das Landesamt für Denkmalpflege, während recycelte Baumaterialien und nachgezeichnete historische Strukturen das neue Gebäude mit dem Ort verbinden.

Auswahl an Spielzeugfunden aus der Ofenverfüllung 151 in Ofenkomplex 207. Darunter befinden sich anthropomorphe und zoomorphe Figuren (obere Reihe) sowie Murmeln, teilweise mit Resten von Glasur (unten links), und Miniaturgefäße (unten Mitte). Bei der spindelartigen Keramikröhre im Bildausschnitt unten rechts handelt es sich wahrscheinlich um eine Handhabe einer der anthropomorphen Figuren, die gefüllt mit kleinformatigen Murmeln als Rassel verwendet worden sein könnte

„Plötzlich ergab der Name Ziegelgasse einen Sinn“.

Ein Gespräch mit der Projektleiterin über Überraschungen im Boden und den Ernstfall.



Frau Birkenmeier, der Name „Ziegelgasse“ ist historisch überliefert, aber niemand wusste genau, wo sie verlief. Was haben Sie gefunden?


Das war tatsächlich der Moment, in dem die Puzzleteile sich zusammensetzten. Durch unseren ersten Bauabschnitt kannten wir bereits die Lage einer Quartiersmauer. Wir erwarteten eigentlich eine Spiegelung dieser Bebauung. Doch stattdessen fanden wir in der Mitte der Baugrube eine breite Freifläche, die sogenannte „Allmend“. Hier durften alle Bürger handwerklich arbeiten. Wir stießen auf mehrere Keramikbrennöfen. Darin lagen Scherben von über 50 Figuren: Frauen mit Zöpfen, Männer mit Hüten, sogar Pferde und Rasseln. Plötzlich ergab der historische Name „Ziegelgasse“ einen Sinn. Es ist gut möglich, dass wir hier den Produktionsort für Spielzeug gefunden haben, das in ganz Südwestdeutschland genutzt wurde. Diese Erkenntnis hat uns sehr gefreut, denn sie haucht der trockenen Geschichte richtiges Leben ein.



Wie wirkt sich diese Entdeckung auf das neue Gebäude aus?


Direkt ändern konnten wir die Bauplanung nicht mehr, das Raumprogramm war bereits festgezimmert. Aber wir haben die Idee der Allmend inhaltlich aufgegriffen. Der geplante Innenhof wird eine gemeinsame Fläche für alle Schülerinnen und Schüler des Bildungszentrums – mit Fitnessbereich, Sitzgelegenheiten und einer Mensa-Terrasse. Wir prüfen gerade, den historischen Verlauf der Allmend im Pflaster nachzuzeichnen. Dafür wollen wir alte Klinkersteine der abgerissenen Schulaula und historische Mauerreste verwenden. Auch die Fassade des Ersatzneubaus wird aus Keramik bestehen. Das war zwar ursprünglich der Entscheidung für nachhaltige Holzbauten geschuldet, aber jetzt fühlt es sich an wie eine nahtlose Fortsetzung der 800-jährigen Tradition von Lehm und Ziegel an diesem Ort.



Am 9. April 2025 wurde die Arbeit unterbrochen. Eine Bombe wurde gefunden. Wie verlief dieser Tag?


Das war eine Situation, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Unser Baggerfahrer Toni stieß mittags mit der Schaufel an etwas Hartes. Dank seiner Erfahrung und weil unsere Feuerwerkerin Jane direkt danebenstand, war sofort klar: Das ist kein alter Trümmerschutt, das ist eine Bombe. Eine britische 500-Pfund-Bombe, deren Zünder bereits in die Zündkammer eingedrückt war. Wir haben sofort die Alarmkette gestartet. Die Baustelle war in Minuten geräumt. Das St. Josefs-Krankenhaus musste mit Intensiv- und Geburtsstation evakuiert werden. Alle Krankenwägen und Notarzthelikopter aus der weiteren Umgebung (Basel bis Rastatt) waren in Alarmbereitschaft. Nachts um 3 Uhr war die Bombe dann entschärft. Es war beeindruckend zu sehen, wie Polizei, THW, Rettungsdienste und wir als Bauherr ineinandergegriffen haben. 



Eine Evakuierung dieser Größe verursacht sicher enorme Kosten. Wer trägt diese?


Hier muss man unterscheiden. Die Entschärfung selbst zahlt das Land Baden-Württemberg über den Kampfmittelräumdienst. Aber die Kosten für die Evakuierung muss der „Zustandsstörer“ tragen, also der Eigentümer des Grundstücks. Am Ende kam eine hohe fünfstellige Summe zusammen. Darunter waren die Miete der Messehalle für die Anwohner und Kosten für Taxifahrten, Hubschraubereinsätze für die Krankenhauspatienten sowie den Bereitschaftsdienst für die Notärzte. Die Verpflegung für die Helfer oder die Sandsäcke des THW spielten im Vergleich dazu kaum eine Rolle. Das zeigt: Wer in historischen Stadtkernen baut, muss nicht nur Zeit, sondern auch solche finanziellen Risiken fest einplanen.



Was raten Sie anderen Projektleitern, die in ähnlichem Gelände bauen wollen?


Mein wichtigster Rat ist: Suchen Sie den Dialog, bevor der erste Spatenstich erfolgt. Gehen Sie früh auf das Landesamt für Denkmalpflege und den Kampfmittelräumdienst zu. Lassen Sie sich beraten, was an Archäologie, Bomben oder Altlasten möglich ist. In unserem ersten Bauabschnitt waren wir da noch etwas zu optimistisch. Jetzt wissen wir: Diese Experten sind keine Bremser, sondern Partner. Sie helfen, Überraschungen zu vermeiden. Zudem habe ich gelernt, der Aufmerksamkeit unserer Baggerfahrer und Feuerwerker noch mehr zu vertrauen. Sie entdecken Risiken, bevor sie zum Problem werden. Ihre Kontaktdaten habe ich daher jetzt fest im Telefon gespeichert.

  • -	Projektleiterin Katharina Birkenmeier sitzt am Tisch und hört zu, im Hintergrund Baupläne.


    Projektleiterin Katharina Birkenmeier im Interview über die archäologischen Funde und die Evakuierung im April 2025

  • -	Katharina Birkenmeier gestikuliert während des Interviews mit erhobener Hand.


    Projektleiterin Katharina Birkenmeier im Interview über die archäologischen Funde und die Evakuierung im April 2025

  • -	Katharina Birkenmeier erklärt mit beiden Händen, im Hintergrund Baupläne.


    Projektleiterin Katharina Birkenmeier im Interview über die archäologischen Funde und die Evakuierung im April 2025

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