Ein Gespräch mit der Projektleiterin über Überraschungen im Boden und den Ernstfall.
Frau Birkenmeier, der Name „Ziegelgasse“ ist historisch überliefert, aber niemand wusste genau, wo sie verlief. Was haben Sie gefunden?
Das war tatsächlich der Moment, in dem die Puzzleteile sich zusammensetzten. Durch unseren ersten Bauabschnitt kannten wir bereits die Lage einer Quartiersmauer. Wir erwarteten eigentlich eine Spiegelung dieser Bebauung. Doch stattdessen fanden wir in der Mitte der Baugrube eine breite Freifläche, die sogenannte „Allmend“. Hier durften alle Bürger handwerklich arbeiten. Wir stießen auf mehrere Keramikbrennöfen. Darin lagen Scherben von über 50 Figuren: Frauen mit Zöpfen, Männer mit Hüten, sogar Pferde und Rasseln. Plötzlich ergab der historische Name „Ziegelgasse“ einen Sinn. Es ist gut möglich, dass wir hier den Produktionsort für Spielzeug gefunden haben, das in ganz Südwestdeutschland genutzt wurde. Diese Erkenntnis hat uns sehr gefreut, denn sie haucht der trockenen Geschichte richtiges Leben ein.
Wie wirkt sich diese Entdeckung auf das neue Gebäude aus?
Direkt ändern konnten wir die Bauplanung nicht mehr, das Raumprogramm war bereits festgezimmert. Aber wir haben die Idee der Allmend inhaltlich aufgegriffen. Der geplante Innenhof wird eine gemeinsame Fläche für alle Schülerinnen und Schüler des Bildungszentrums – mit Fitnessbereich, Sitzgelegenheiten und einer Mensa-Terrasse. Wir prüfen gerade, den historischen Verlauf der Allmend im Pflaster nachzuzeichnen. Dafür wollen wir alte Klinkersteine der abgerissenen Schulaula und historische Mauerreste verwenden. Auch die Fassade des Ersatzneubaus wird aus Keramik bestehen. Das war zwar ursprünglich der Entscheidung für nachhaltige Holzbauten geschuldet, aber jetzt fühlt es sich an wie eine nahtlose Fortsetzung der 800-jährigen Tradition von Lehm und Ziegel an diesem Ort.
Am 9. April 2025 wurde die Arbeit unterbrochen. Eine Bombe wurde gefunden. Wie verlief dieser Tag?
Das war eine Situation, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Unser Baggerfahrer Toni stieß mittags mit der Schaufel an etwas Hartes. Dank seiner Erfahrung und weil unsere Feuerwerkerin Jane direkt danebenstand, war sofort klar: Das ist kein alter Trümmerschutt, das ist eine Bombe. Eine britische 500-Pfund-Bombe, deren Zünder bereits in die Zündkammer eingedrückt war. Wir haben sofort die Alarmkette gestartet. Die Baustelle war in Minuten geräumt. Das St. Josefs-Krankenhaus musste mit Intensiv- und Geburtsstation evakuiert werden. Alle Krankenwägen und Notarzthelikopter aus der weiteren Umgebung (Basel bis Rastatt) waren in Alarmbereitschaft. Nachts um 3 Uhr war die Bombe dann entschärft. Es war beeindruckend zu sehen, wie Polizei, THW, Rettungsdienste und wir als Bauherr ineinandergegriffen haben.
Eine Evakuierung dieser Größe verursacht sicher enorme Kosten. Wer trägt diese?
Hier muss man unterscheiden. Die Entschärfung selbst zahlt das Land Baden-Württemberg über den Kampfmittelräumdienst. Aber die Kosten für die Evakuierung muss der „Zustandsstörer“ tragen, also der Eigentümer des Grundstücks. Am Ende kam eine hohe fünfstellige Summe zusammen. Darunter waren die Miete der Messehalle für die Anwohner und Kosten für Taxifahrten, Hubschraubereinsätze für die Krankenhauspatienten sowie den Bereitschaftsdienst für die Notärzte. Die Verpflegung für die Helfer oder die Sandsäcke des THW spielten im Vergleich dazu kaum eine Rolle. Das zeigt: Wer in historischen Stadtkernen baut, muss nicht nur Zeit, sondern auch solche finanziellen Risiken fest einplanen.
Was raten Sie anderen Projektleitern, die in ähnlichem Gelände bauen wollen?
Mein wichtigster Rat ist: Suchen Sie den Dialog, bevor der erste Spatenstich erfolgt. Gehen Sie früh auf das Landesamt für Denkmalpflege und den Kampfmittelräumdienst zu. Lassen Sie sich beraten, was an Archäologie, Bomben oder Altlasten möglich ist. In unserem ersten Bauabschnitt waren wir da noch etwas zu optimistisch. Jetzt wissen wir: Diese Experten sind keine Bremser, sondern Partner. Sie helfen, Überraschungen zu vermeiden. Zudem habe ich gelernt, der Aufmerksamkeit unserer Baggerfahrer und Feuerwerker noch mehr zu vertrauen. Sie entdecken Risiken, bevor sie zum Problem werden. Ihre Kontaktdaten habe ich daher jetzt fest im Telefon gespeichert.
